Samstag, 12. Oktober 2013

Tohuwabohu

Shalom kulo!

Wie die Überschrift dieses Eintrages schon verrät, war meine Einreise ein echtes "Tohuwabohu". Es begann am Flughafen in Prag. Ich dachte, ich hätte den chaotischsten Teil hinter mir, als wir endlich das richtige Gate gefunden haben, aber dort ging das ganze Hin und Her erst richtig los. Zuerst wurde ich am Flughafen in Prag von Security-Leuten der El-Al (israelische Fluggesellschaft) empfangen. Bei El-Al ist es nicht unüblich, dass man schon beim Check-In gefragt wird, was man in Israel macht und wie lange man bleiben möchte. Normalerweise läuft das alles recht harmlos ab, aber in meinem Fall war das etwas anders: Araber und Menschen mit arabischen Wurzeln werden etwas genauer befragt, oft wird auch ihr Gepäck gründlich untersucht. Ich blieb davon leider nicht verschont und musste in einer zweistündigen Prozedur allerlei Fragen beantworten. Die meiste Zeit bestand allerdings daraus, dass ich in einem seltsamen Raum, der einer Abstellkammer ähnelte, warten durfte.
Naja, wenigstens war ich in netter Gesellschaft, denn ein junger Palästinenser musste ebenfalls warten und sich befragen lassen. Wir unterhielten uns nett und nahmen die Sache so weit wie möglich mit Humor.
Ich hatte schon Angst, dass ich meinen Flug wegen der ewigen Warterei und Befragung verpasse, denn ich hatte nur noch eine halbe Stunde Zeit bis mein Flugzeug Prag verlassen sollte. Doch dann ging auf einmal alles sehr schnell. Nachdem ich das Vergnügen hatte, mich in einem Nebenraum bis auf die Unterhose auszuziehen und mich mit erhobenen Händen nach Sprengstoff und Waffen untersuchen zu lassen, wurde ich von den Sicherheitsleuten der EL-AL direkt zum Flieger gebracht. Mein Gepäck wurde jedoch noch auseinander genommen und so wurde mir gesagt, dass es mit der nächsten Maschine kommen wird und ich es in Tel Aviv abholen kann. Als ich nun endlich im Flieger saß, hatte ich nichts außer meinem Pass, meinem Portemonnaie und einer Packung Kaugummis bei mir. Aber immerhin war ich nun endlich im Flieger in Richtung Israel.
In den 5 Stunden Flugzeit konnte ich kaum schlafen. Das lag nicht nur an meinem Sitznachbarn, der locker zwei Sitze gebraucht hätte, sondern auch daran, dass sich langsam das Gefühl von Aufregung, Freude und Ungewissheit in mir breit machte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit blinkte endlich das Symbol über mir auf, welches die Fluggäste dazu aufforderte, sich anzuschnallen. Auch die Stimme des Piloten, die auf die baldige Ankunft in Tel Aviv aufmerksam machte, kam mir unheimlich erlösend vor. Meine Erschöpfung war von diesem Moment an weg und ich war wieder hell wach.

In Tel Aviv angekommen stand mir nun die nächste Hürde bevor, die ich meistern sollte. Denn auch dieses Mal wurde ich an der Passkontrolle glatt aussortiert und durfte mich erneut einer zweistündigen Prozedur aus Warten und Interview unterziehen. Als diese nun auch endlich ein Ende fand, kam ich völlig fertig und übermüdet zu dem Band, an dem angeblich meine Sachen auf mich warten sollten. Doch ich fand meinen Koffer nicht. Stattdessen lachten mir zwei freundliche Gesichter entgegen. Es waren Rani und Sanna. Ich hatte die beiden schon in Prag getroffen da sie, wie ich, länger warten mussten. Rani war der palästinensische Student den ich in der "Kammer des Schreckens" getroffen habe (wir haben den Raum, in dem wir durchsucht wurden, spöttisch so getauft). Sanna hingegen war eine Autorin aus Finnland, die in Israel lebt und dort hauptsächlich medizinische Bücher schreibt und übersetzt. Bald kam auch Frieda dazu. Sie wartete mit Sana schon in Prag zusammen und war eine Studentin aus Dresden. Ich war unendlich froh, nach dieser harten Nacht endlich ein paar freundliche und bekannte Gesichter zu sehen, dass ich anfing laut zu lachen. Es war inzwischen 5 Uhr morgens, ich kannte die drei gerademal 10 Stunden und dennoch hatten sie auf mich gewartet, sich Sorgen gemacht und mir sofort etwas zu Essen organisiert, als ich endlich ankam. Ich war von dieser Hilfsbereitschaft total erschlagen und überglücklich. Das war das erste Mal, an dem ich das wahre Gesicht Israels endlich kennen lernen durfte. Denn die Menschen sind hier eigentlich alle sehr freundlich und hilfsbereit. Wir warteten zusammen. Eine Stunde, zwei Stunden. Dann bekam nach und nach jeder von uns die Nachricht, dass ein Gepäckstück fehlte oder noch in Prag sei und dass unser Gepäck nachgesendet werden müsste. Bei mir waren dass leider beide Gepäckstücke. Ich bekam stattdessen von El-Al eine Art Waschtasche in der sich Zahnbürste, T-Shirt, Shampoo und noch allerlei Zeug befand, was man zum „Überleben“ brauchte. Diese Tasche war relativ klein und ich war erstaunt wie viele Sachen dort drin Platz hatten. Aber das nur nebenbei. Ich verabschiedete mich von meinen Flugbekanntschaften, stopfte meine Waschtasche in eine Plastiktüte aus einem Flughafenshop und spazierte einfach drauflos.

Ich musste zunächst in das Zentrum von Tel Aviv, um mich bei einer Kibutzstelle zu melden, die für mich das Volontärvisum organisiert hatte. Meine Müdigkeit kam langsam wieder zurück und deshalb wollte ich schnell mit einem Taxi ins Zentrum fahren. Also stieg ich in ein Taxi und fuhr los. Nach kurzer Zeit fiel mir allerdings auf, dass der Weg doch weiter ist, als ich gedacht habe und dass ein Taxi in Israel wirklich alles andere als billig ist. Aus Panik mein ganzes Geld schon zu verlieren, bevor ich überhaupt richtig angekommen war, ließ ich mich an der nächsten Bushaltestelle aus setzten. Da saß ich nun, die gnadenlose Sonne bei 29 Grad knallte auf mich, in meiner Hand eine Plastiktüte mit dem kläglichen Rest-Gepäck, der mir geblieben ist. Um mich herum standen ein paar Soldaten, die mich mit einem Blick aus Verwunderung, Mitleid und Belustigung musterten. Ich merkte wie mein Körper langsam schlapp machte und raffte mich daher noch einmal zusammen, um einen der Soldaten nach dem Weg ins Zentrum von Tel Aviv zu fragen.
Als der Bus endlich ankam und ich leicht unsicher mein Portemonnaie in die Hand nahm, während ich einstieg, lernte ich endlich die Seite Israels kennen, auf die ich mich gefreut hatte und wie ich mir jene vorgestellt hatte. Als ich zögerlich nach der Station fragte, an der ich aussteigen müsste, lachte der Busfahrer nur und machte mir mit einer Mischung aus gebrochenen Englisch und wilden Gesten deutlich, dass ich mich erst mal hinsetzten soll und er mir Bescheid sagen würde, wenn ich aussteigen soll. Als ich mein Portemonnaie zückte, um eine Fahrkarte zu kaufen, winkte er mit einem weiteren Lachen ab und fuhr los. Als sich ein Soldat und eine junge Israelin in mein Gespräch mit dem Busfahrer einmischten, waren beide sofort willig mir zu helfen. Schnell hatten beide ihre Handys in der Hand, um für mich einen passenden Weg zur Kibbutzstelle zu finden. Schließlich kam ich wohlbehalten an der Kibbutzstelle an. Den restlichen Tag war ich damit beschäftigt von einem Bus in den anderen zu steigen, um nach Kiryat Tivon (Kirjat Tiw'on) zu fahren, wo meine Ansprechpartnerin für meine Zeit in Israel wohnt. Auch hier wurde ich von ihr und ihrer Familie herzlich aufgenommen und willkommen geheißen. Als ich bei ihr war, war es bereits 13 Uhr und ich war seit 29 Stunden auf den Beinen. Total erschlagen und müde fiel ich in mein Bett und wachte erst abends wieder auf.

Das waren meine ersten Erlebnisse in Israel. Von heute betrachtet, war es schon ein Abenteuer. Ich werde bald über meine Arbeit, meine Gastfamilie und über meinen Besuch in Jerusalem schreiben. Aber das soll fürs Erste reichen.
Hier noch ein paar Bilder (Die Qualität ist schlecht, da ich sie mit meinem Handy gemacht habe. Meine Kamera war noch bei EL AL.):

 29 Stunden kein Auge zugemacht.
Das sah man mir am Ende schon an.

Im Hintergrund sieht man das Meer in Tel Aviv.
Ich war unglaublich glücklich, als ich das endlich gesehen habe.
Das Meer war auch ein Grund, weshalb ich nach Israel wollte.

Ben Gurion Flughafen.

Busstation in Tel Aviv

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