Ich wachte am ersten Tag auf und realisierte das erste mal dass ich nun endgültig für die nächsten 9 Monate ein komplett anderes Leben führen werde, als das was ich bisher lebte. Der Ort in dem ich die erste Nacht geschlafen habe hieß Kirijat Tiw'on. Er war eigentlich wie ein kleines europäisches Dorf. Das kommt daher, dass die Stadt zwischen 1933 und 1939 von vorwiegend deutschen Juden gegründet wurde, die aus Deutschland geflüchtet sind. Heute ist hier alles sehr sauber und ordentlich. Bis auf die Sprache, das Wetter und die Umgebung, sieht man tatsächlich keinen Unterschied zu einem Leben in Europa. Das hat mich sehr verwundert. Allerdings ist das in den meisten jüdischen Siedlungen der Fall. Ich frühstückte auf dem Balkon bei strahlend blauem Himmel, warmen 28 Grad und einem tollen Blick auf Haifa und das Meer. Nach dem Frühstück konnte ich es kaum erwarten endlich nach Schefa' Amr zu fahren.
Shefa' Amr ist keine 30 Kilometer von Kirijat Tiw'on entfernt und dennoch hat man das Gefühl man fährt in eine andere Welt, wenn man nach Schefa' Amr kommt. Die Straßen hier sind eher schlecht, alles ist leicht chaotisch und auch ist es längst nicht so sauber wie in einer Siedlung. Viele Araber sind sehr unzufrieden mit ihrer Situation und wenn man einige Ecken in Schefa' Amr sieht kann man das auch gut verstehen.
Ein Großteil der hier lebenden Bevölkerung sind arabische Christen. Es leben hier allerdings auch relativ viele Drusen, sunnitische Moslemin und Beduinen. Das zusammenleben dieser vier Gruppen ist wirklich sehr interessant und faszinierend. Wie überall gibt es zwar auch hier Konflikte zwischen den Gruppen, jedoch habe ich den Eindruck dass das Zusammenleben hier sehr gut funktioniert und dass die unterschiedlichen Gruppen sehr viel Toleranz füreinander haben. Das sieht man auch daran, dass es zwar christliche und muslimische Schulen gibt, jedoch sind die Schüler in diesen Schulen meistens gemischt. Ein Nachbar von mir, der auf eine griechisch katholische Schule geht, erzählte mir dass auf seiner Schule auch viele Moslemin sind und dass es eigentlich die Regel ist, dass die Schulen gemischt sind. Auch der Kindergarten, in dem ich arbeite ist gemischt.
An meinem ersten Arbeitstag wurde ich sowohl von den Kindern als auch von den Erzieherinnen unglaublich herzlich willkommen geheißen. Die Kinder stürmen sofort auf einen zu. Sie freuen sich unglaublich und begrüßen dich mit Geschrei und vielen Küssen. Die Erzieherinnen lachten mir entgegen und waren sofort bemüht es mir so recht wie möglich zu machen. Darüber musst ich sehr lachen, denn eigentlich war ich doch derjenige der arbeiten sollte. Trotzdem war mein erster Tag auch anstrengend. Meine erste Aufgabe war es, eine Frucht zu zerteilen, die aussah wie eine sehr große grüne Zitrone. Sie schmeckte auch ähnlich, sie war jedoch etwas süßer. Die Kinder sollten sie zum Frühstück bekommen und ich sollte sie verteilen. Das stellte sich jedoch als schwieriger als gedacht heraus und so wurde die Horde wartender Kinder mehr und mehr ungeduldiger. Chalit begann seine Freundin Rina schon mit Holzklötzen zu füttern. Rina fand das eine gute Idee und biss hineine. Als ich das sah wurde ich ebenfalls nervös. Diese unerwartete Verköstigung blieb glücklicherweise das einzige dramatische Ereignis an diesem Tag
Nachdem der erste Arbeitstag erfolgreich abgeschlossen war ging ich zu meiner Gastfamilie. Dort wurde auch mein Koffer endlich von EL AL hingeliefert. Jedoch nur ein Koffer. Mein Handgepäck blieb bei EL AL. Auch meine Gastfamilie empfing mich mit offenen Armen und war sehr freundlich. Die ganze Familie meiner Gastfamilie wohnt im gleichen Viertel. Sie sind Christen und ihrer Familie gehört schon seit Jahren ein Hügel auf dem sie noch heute Leben. Von ihren Haus hat man einen wahnsinnig schönen Blick auf ganz Schefa' Amr. Das Haus ist schön und sehr groß. Es ist zwar etwas unordentlich und nicht das sauberste aber wer mich kennt weiß dass ich mit Unordnung noch nie ein Problem hatte. Außerdem ist hier ein kleiner Hund in meiner Umgebung, der macht jede Unordnung nur noch halb so schlimm. Wie schon am Vortag viel ich auch diesen Tag wiedermal sehr erschöpf in mein Bett.
Das war mein erster Tag in Schefa' Amr. Im Gegensatz zum ersten Post ist der hier doch etwas unspektakulär aber mein Post zum Ausflug nach Jerusalem wird wieder etwas spannender. Wie gewohnt sind hier ein paar Fotos.
Schefa' Amr
Schon an meinem ersten Tag durfte ich mich künstlerisch austoben indem ich Wellen ins Bad der Kinder gemalt habe. Naja, Geschmäcker sind verschieden aber ich habe mich, glaube ich, ganz gut geschlagen.
Ich liebe Kumquat. Dieser Strauch blieb nicht von mir verschont.
der Kindergarten El Zeitun
Schefa' Amr: Leider teilweise sehr dreckig aber ich persönlich mag so ein Chaos. Das war ebenfalls ein Grund warum ich mich für diesen Ort entschieden habe. Es ist kein Stück wie Deutschland.

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