Wieder geht ein Monat zu Ende. Am Anfang sagte man uns Freiwilligen eure Zeit wird wie im Flug vergehen und eh ihr euch verseht seit ihr schon wieder in Deutschland. Ich hielt das für maßlos übertrieben. Wie soll sich das Zeitgefühl denn auf einmal so rapide ändern? In der Schulzeit kam mir schon eine Doppelstunde Mathe wie ein Auslandsjahr vor. Und jetzt sollen neun Monate auf einmal wie im Flug vergehen. Aber immer öfter ertapp ich mich, wie ich fassungslos auf das Datum schaue und mich frage wo denn die letzten 4 Monate geblieben sind. Zugegeben, der Kulturschock im Matheunterricht, den ich jede Stunde aufs neue erlitt, war um einiges schlimmer als der in Shfaram/ Israel aber wie rasant die Zeit vergeht ist trotzdem erstaunlich.
Ende Februar, am 21., habe ich es nun endlich geschafft. Ich bin das erste mal nach Palästina und in die besetzten Gebiete gefahren. Schon seitdem ich hier bin war ich unglaublich gespannt auf diesen Besuch und nun hatte ich endlich Gelegenheit dazu. Wir nahmen uns dafür zwei Tage frei und fuhren Donnerstag Nachmittag los Richtung Jerusalem. Ich war die ganze Zeit aufgeregt. Ich konnte im Bus etwas schlafen, so dass ich hellwach und ausgeschlafen in Jerusalem ankam. Ich war froh, dass ich mich im voraus informiert habe wo der arabische Busbahnhof ist, denn ohne eine ungefähre Ahnung hätte ich ihn niemals gefunden. Der Busbahnhof ist in einer kleinen Straße hinter der Altstadt Jerusalems versteckt. Man geht um die Ecke und zack, stehen da auf einmal viele kleine Busse auf einem kleinen Platz, die alle in Richtung Palästina fahren. Sie haben absolut keine Ähnlichkeit mit den israelischen Eggedbussen. Sie sind klein, nicht besonders modern und unauffällig. Auf der Straße hätte ich sie kaum erkannt aber nun saß ich in einem von ihnen und fuhr durch einen Teil von Jerusalem den ich noch nie gesehen habe. Schon im Bus hatte ich sofort das Gefühl in Palästina angekommen zu sein. Wir fuhren durch die arabischen Teile Jerusalems. Dann an der ganz Palästina umfassenden Mauer entlang. Wir passierten einen Checkpoint an dem eine riesige Schlange Autos wartete die alle nach Israel zurück wollten und kontrolliert wurden. Und schließlich waren wir schon in Ramallah. Mir kam es so vor als wären wir nur kurz durch eine riesige Wolke aus Chaos, Staub, Autos und arabischen Läden gefahren, um dann nahtlos in Ramallah zu landen.
Wir kamen in Ramallah an und wieder war es einer dieser Momente, in denen ich dachte ich bin in einer anderen Welt. Wie kann es sein dass dieser Ort keine 25 km von Jerusalem entfernt ist? Nirgendwo sah man mehr auch nur ein Wort in hebräischer Schrift. Es war schon spät aber schon auf der Hinfahrt nach Ramallah fiel mir auf, dass Ramallah und seine Umgebung keine Ruhe kennt. Die Checkpoints vor Jerusalem waren noch voll, auf dem Platz im Centrum tummelten sich noch zahlreiche hupende Autos und auf den Gehwegen waren die Händler noch auf den Straßen. Rund um den Platz wehten Palästinafahnen und Fahnen der DFLP (dschabhat al- dimuqratiya li-tahir falastin, demokratischen Front zur Befreiung Palästinas). Die DFLP ist eine marxistische Partei, die Mitglied der PLO ist. Als wir (meine Mitfreiwillige Miriam und ich) auf einen Freund warteten, der uns abholen wollte und uns zum Hostel führen sollte, genoss ich jede Minute des Wartens.
Schließlich wurden wir abgeholt und stießen im Hostel auf unsere anderen Freunde, die ebenfalls Freiwillige in Israel sind. Das Hostel, war eines der schönsten, die ich bisher in Israel gesehen habe. Und das obwohl Palästina unter Touristen nicht gerade den besten Ruf hat. Am nächsten Morgen unterhielten wir uns noch einige Zeit mit den zwei Brüdern, denen dass Hostel gehörte, organisierten einen Schlafplatz in Nablus und brachen auch schon auf. Wir verbrachten noch den ganzen restlichen Vormittag in Ramallah. Es ist eine wunderbare Stadt und ich hoffe ich werde nochmal hier hin fahren.
Am Nachmittag nahmen wir uns dann ein Taxi nach Nablus. Der Weg durch Palästina war aufregend und einschüchternd. Wir fuhren an Siedlungen vorbei, die mit ihren hohen Sicherheitszäunen und ihren Gebäuden wie Festungen aussahen, die dort aus dem Boden gestampft wurden. Es war ein Freitag und da an diesem Wochentag stehts Demonstrationen sind, fuhren wir auch an Palästinensern vorbei, die mit Steinschleudern vor den Siedlungen standen. Auf der anderen Seite standen stark bewaffnete Soldaten und Militärfahrzeuge. Ein ungleiches und schockierendes Bild. Man hört zurzeit nur noch sehr wenig von diesem Konflikt, in den deutschen Medien, aber ist man erstmal hier sieht man, dass sich kaum etwas geändert hat.
Schließlich kamen wir in Nablus an.
Auf dem Weg zum Hostel hielt ein Krankenwagen neben uns. Ein Fenster öffnete sich und ein junger etwas müde aussehender Mann winkt uns von der anderen Straßenseite heran. Er sagte uns dass er der Besitzer des Hostels sei und uns schon erwartet hat. Es war Glück dass er uns zufällig sah, denn das Hostel, was übrigens das einzige in der Stadt ist, war wie immer ganz schön versteckt und alleine hätten wir uns sicher verirrt. Der Mann hieß Samar, war Arzt und engagierte sich zudem noch für ein Projekt welches sich "the voice of kids" nennt. Das Projekt sollten wir am nächsten Morgen noch besser kennen lernen.
Als wir am nächsten Morgen aufstanden, bot uns Samar eine kleine gratis Stadtführung an. Wir sagten natürlich nicht nein und schon ging es los. Als erstes zeigte er uns das Projekt "the voice of kids". Ein Projekt welches zum Verein Human Supporters gehörte. Der Verein gründetes sich während der zweiten Intifada und angegiert sich für soziale Gerechtigkeit in Palästina und Jugend-, Kinder- und Frauenhilfe. Das Projekt "voice of kids" beschäftigt sich mit Jugendlichen und Kindern aus der Altstadt in Nablus. Die Menschen in der Altstadt sind sehr arm und schwer traumatisiert von der Invasion Israels. Das Projekt bietet nun psychologische und zukunftsorientierte Hilfe für Jugendliche und Kinder aus Nablus an. Es bietet Kulturveranstaltungen, Freizeitgestaltungen, Nachhilfeunterricht und Sprachkurse, psychologische Hilfe, Anti-Aggressionstraining und vieles mehr für junge Palästinenser an. Die Arbeit dieser Menschen hat mich zutiefst beeindruckt. Es ist ein kleiner Hoffnungsschimmer in einer sehr von Hass und Feindschaft gezeichneten Stadt. Nach dem kurzen Besuch ging es dann durch die Altstadt. Mir vielen Sofort die vielen Plakate und Schriften an der Wand auf. Sie zeigten Märtyrer, Terroristen und Zivilisten die im Kampf gegen Israel gestorben sind. Man erklärte uns wie schwierig die Lage während der zweiten Intifada in Nablus war. Überall waren noch Spuren der Kämpfe und des Leides der Menschen zu sehen.
Aber der Krieg ist nur eine Seite von Nablus. Denn trotz alledem hat Nablus eine wunderbare historische Altstadt, die voller alter arabischer Kultur und Leben ist. Zum Glück bekam wir auch diese Seite zu sehen. Samar nahm uns mit zu einem Gewürzhändler, der in dem hinteren Teil seines Ladens einen Raum voller alter osmanischer und beduinischer Gegenstände hatte. Diese sammelte er um die Kultur der Araber zu bewahren und die Gegenstände zu schützen. Es handelte sich dabei meist um sehr alte, einfache und schöne Sachen wie beduinischen Teegeschirr, alten arabischen Kaffeemühlen, kunstvoll bestickten orientalischen Hüten (Tarbusch). Zu vielen dieser Sachen wurde uns eine Geschichte erzählt und uns deren Wert und Gebrauch in früherer Zeit erklärt. Und so weiß ich heute wie man sich früher beim Kaffee mit Beduinen benommen hat, wer zu osmanischer Zeit alles einen Tarbusch getragen hat und wie man seine Stimmung durch das Mahlen von Kaffeebohnen zum Ausdruck bringt. Außerdem konnten wir in Nablus zusehen wie die traditionelle palästinensische Süßigkeit Kanafe, ein mit Sirup gesüßter Käse, hergestellt wurde. Danach wurde natürlich viel probiert und mitgenommen. Nablus ist trotz aller Zerstörung eine wunderschöne und interessante Stadt.
Am Mittag machten wir uns dann auf den Weg nach Jenin.
Wieder ging es durch Dörfer, vorbei an Siedlungen, entlang an Mauern und Zäunen bis wir schließlich in Jenin ankamen.
Unser Ziel in Jenin war ein Theater welches sich direkt im Flüchtlingslager befindet. Das Flüchtlingslager in Jenin ist eigentlich kein richtiges Flüchtlingslager mehr. Die Grenze zur Stadt ist fließend, in ihm stehen normale Häuser und Läden und die Menschen sind meistens etablierte Teile der Gesellschaft. Wenn man nicht weiß, dass dieser Teil der Stadt ein Flüchtlingscamp ist, würde man es wahrscheinlich nur für ein sehr armes Viertel der Stadt halten. Trotzdem bestehen die Einwohner des Lagers auf die Bezeichnung "Refugeecamp". Das Lager entstand 1953 während des arabisch- israelischen Krieges für vertriebene Palästinenser aus Israel. Zurzeit leben etwa 12.000 Flüchtlinge in dem Lager. Sie sind alle Nachkommen von ehemaligen Flüchtlingen, die mit ihren Familien schon seit Generationen in dem Lager leben. Aus diesem Grund bestehen die Einwohner auf den Namen. Es ist nicht ihre Heimat- sie sind Vertriebene aus Israel. Aber nun zurück zum Thaeter. Das Freedomtheater wurde während der ersten Intifada von Arna Mer gegründet um traumatisierten Jugendlichen im Flüchtlingslager Hilfe und neue Perspektiven zu geben. Außerdem wollte sie Jugendliche von der Straße holen um zu verhindern dass sie sich radikal islamischen Organisationen anschließen und als Märtyrer sterben. Als Tourist wird man im Freedomtheater herzlich willkommen geheißen. Der Direktor des Theaters führte uns über die Bühnen und durch das ganze Theater, er erklärte uns die Situation und die Entstehungszeit des Theaters und anschließend nahm er und ein paar andere Schauspieler sich die Zeit mit uns zu reden. Am späten Nachmittag verließ ich Jenin und Palästina mit sehr gemischten Gefühlen. Einerseits ist es natürlich erschreckend und schwer einem Krieg so nah zu sein, dennoch ist es schön und bewundernswert so viele Menschen zu treffen, die trotzdem die Hoffnung auf Frieden und Freiheit nicht aufgeben.
Die Zeit in Palästina war sehr bereichernd und wichtig für mich.
Auf unserem Rückweg mussten nun auch wir durch einen Checkpoint. Da der Checkpoint für Fußgänger schon geschlossen war, trampten wir und fuhren durch den Autocheckpoint. Im Auto wurde ich sehr nervös. Meine schlechte Erfahrung mit israelischen Sicherheitskräften hat mich inzwischen in solchen Momenten etwas übervorsichtig und angespannt gemacht. Unser Auto und wir wurden zwar komplett durchsucht aber ansonsten passierte nichts. Wahrscheinlich wurden wir herausgenommen, weil in unseren Auto 3 verschieden Arten von Pässen vorhanden waren (israelisch, deutsch und australisch). Das kam den Kontrolleuren wahrscheinlich irgendwie spanisch vor. Schließlich kamen wir endlich wieder in Shfaram an aber viel Zeit um die gesammelten Erlebnisse zu verdauen gab es nicht.
Schon ein paar Tage später kam das Zwischenseminar für alle deutschen Freiwilligen auf uns zu. Es tat sehr gut all die vertrauten Gesichter wiederzusehen, Erfahrungen auszutauschen, sich nützliche Ratschläge zu holen und diese auch zu verteilen und einfach mit anderen Leuten reden, die ähnliches erlebt und durch ähnliches geprägt wurden wie man selbst. Ich glaube dass mir das in Deutschland sehr fehlen wird. Denn ich weiß wann immer ich mit anderen Leuten über Israel sprechen werde, sie werden mich nicht auf diese Weise nachvollziehen können, wie die Menschen die ebenfalls eine Zeit hier gelebt haben.
Das war mein Bericht für Februar. Ich hoffe es folgt bald der nächste. Leider habe ich dieses Mal kaum Fotos. Hier aber zwei Bilder meinen Mitfreiwilligen in Israel, mit denen ich diese wunderbare Zeit hier teilen darf. Darunter sind auch noch drei kleine Videos von dem Freedomtheater in Jenin.


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