Wir haben uns diesmal vorausschauend für Freitag frei genommen, so dass wir nicht wieder am Shabbat reisen mussten.
Als wir von Jerusalem aus durch die Westbank fuhren, hatte ich das erste Mal den Konflikt vor Augen der in Israel so präsent ist. Wir fuhren über eine israelische Straße mitten durch palästinensisches Gebiet. Der Bus fuhr auch durch eine Siedlung in der Nähe von Jericho. Dort wurde mir bewusst, was für Welten selbst hier,zwischen den Siedlungen und den arabischen Städten liegen. Während rund um die Siedlungen trockene und gnadenlose Wüste vorherrscht, sind die Siedlung aufgrund der guten Bewässerung grün und sehr idyllisch. Es sind kleine, streng bewachte Paradiese hinter Sicherheitszäunen. Die Wüste ist zwar auch wunderschön und sehr beeindruckend, jedoch war dieser Unterschied für mich so bizarr, dass ich die Wüste nur teilweise genießen konnte.
Unser Platz am Toten Meer war sehr abgeschieden. Das hatte Vorteile aber auch einige Nachteile. Ein großer Vorteil war, dass weit und breit kaum Touristen zu sehen waren. Die einzigen Menschen, die wir trafen, waren Leute die vorwiegend am Toten Meer wohnten. Sie suchten die große Freiheit und haben beschlossen ein halbes Jahr am Toten Meer zu campen und im Sommer weiter zu ziehen. Mir kamen sie vor wie Dauercamper. Nur eben ohne Wohnmobil, spießige Gartenzwerge und um ein vielfaches freundlicher und offener als die Dauercamper die man auf so manchem deutschen Zeltplatz antrifft.
Diese Gesellschaft war mir persönlich viel lieber als die üblichen Touristen, die man überall findet. Ein Nachteil war, dass in dieser Gegend viele Diebe unterwegs sind. Daher mussten wir verschärft ein Auge auf unser Hab und Gut werfen. Es ist unglaublich, dieses Land ist so klein und dennoch ist es so vielseitig wie kaum ein anderes Land. Das Tote Meer ist auch wieder ein Ort der mich total fasziniert hat. Der Stand ist voller Steine und mit den Felsen rings herum sieht es manchmal so aus als befände man sich auf einem anderen Planeten. Ich glaube diese Location wäre der perfekte Drehort für eine Folge Star Trek gewesen.
Man sieht nur wenige Pflanzen, die dem Wassermangel und dem extrem salzigen Boden standhalten können. Im Meer dann zu schwimmen ist so ziemlich eine der lustigsten Sachen die ich bisher gemacht habe. Es macht einfach unheimlich viel Spaß und man kommt nicht drum rum sich wie ein Kind aufzuführen sobald man feststellt, dass man in diesem Wasser tatsächlich nicht untergehen kann.
Rund um das Tote Meer gibt es viele Süßwasserquellen. Wir konnten also später problemlos das Salz und den Schlamm von uns waschen. Die Nacht wollten wir am Strand unter freiem Himmel verbringen. Die Vorstellung war schön und wir freuten uns so wenig Geld auszugeben. Jedoch bereiteten uns die Mücken, Fliegen und der unglaublich harte und unebene Boden eine unvergessliche Nacht. Die meisten von uns wachten völlig zerstochen und verkrampft auf. Selbst ich, der wie immer sehr viel Mückenspray aufgetragen hat, wurde nicht verschont. Wir machten uns am nächsten Tag dennoch auf in den En Gedi Nationalpark. Da der Weg allerdings sehr lang war beschlossen uns in kleine Grüppchen aufzuteilen und zu trampen. Das funktioniert in Israel noch ganz gut. Als halbstarker 18 jähriger Kerl sollte man aber darauf achten mindestens mit einer weiblichen Person zu trampen. Zum Glück waren wir nur 3 Kerle so konnten wir uns so verteilen, dass in jeder Gruppe nicht mehr als eine männliche Person ist.
Der En Gedi Nationalpark war wunderschön. Eine Oase mitten in der Wüste. Mit Wasserfällen, Pflanzen und Tieren. Es war wie in einem Dschungel, nur ohne Mücken und Luftfeuchtigkeit. Die Tierwelt die uns hier geboten wurde war zwar überschaubar, aber die ein oder andere Überraschung gab es schon. Neben Steinböcken und Krähen, gab es auch ein Tier was ich noch nie zuvor gesehen habe. Es heißt Schliefer (auf hebräisch Hyrac), sieht aus wie ein fettes Murmeltier und sein nächster Verwandter ist ein großes graues Tier, welches normalerweise in der afrikanischen Savanne wohnt. Wer weiß es? Es fängt mit E an und hört mit lefant auf.
Am Abend mussten wir wieder trampen um in die nächst größere Stadt zu gelangen. Wir wurden von einem netten israelischen Studenten mitgenommen, der uns bis Tel Aviv mitnahm. Die Gespräche die man hier mit den Einheimischen führt sind immer wieder unglaublich interessant. Er war Israeli der in einer Siedlung in der Westbank lebt. Was mich immer wieder etwas verärgert und traurig macht ist, dass man immer wieder auf leichte Angst vor Arabern trifft und manchmal auch auf richtige Abneigung. Beim trampen wurde uns gesagt wir sollen nicht zu Arabern einsteigen, auf die könne man sich nicht verlassen. Das ist schwachsinnig und eigentlich echt rassistisch. Das eine junge Frau nicht alleine zu fremden Männern ins Auto steigen sollte ist klar. Aber das sollte sie in keinem Land egal ob Israel, Deutschland oder Bukina Faso. Das hat nichts mit der Ethnie eines Menschen zu tun sondern mit der Tatsache, dass sich Frauen in einer bedrohlichen Lage schlechter währen können, da sie in der Regel physisch schwächer sind. Solche Aussage, dass man also nicht zu Arabern ins Auto steigen sollte ist daher ein bloßes Zeichen für Angst. Angst vor Menschen die man nicht kennt, die anders sind als man selbst und mit denen man am liebsten nichts zu tun haben will. Dieses Problem kennt man ja auch zu Genüge aus Deutschland. Noch am selben Abend machte ich eine ganz andere Erfahrung.
Durch das Trampen fuhren wir sehr umständlich und lange bis nach Afula zurück. Von dort wollten Miriam und ich nach Nazareth und von dort nach Schefa'- Amr. Es war schon sehr spät und wir sehr müde. Wir stiegen in einen Bus von dem wir annahmen, dass er uns nach Nazareth bringen würde. Das tat er nicht. Stattdessen fuhr er in einen Vorort der Nazareth Illit hieß. Wir waren todmüde und realisiert erst dass wir falsch waren, als der Busfahrer verwirrt nach hinten schaute und uns fragte wo wir denn eigentlich hin wollten. Als wir Nazareth sagten, schaute er uns verständnislos an und fing sofort an sich wild mit dem letzten Fahrgast zu unterhalten, der außer uns noch im Bus saß. Sie unterhielten sich auf Arabisch. Es wurde sehr schnell klar, dass kein Bus mehr nach Nazareth oder Schefa'- Amr fuhr. Als wir ausgestiegen sind waren wir schon drauf und dran bis nach Nazareth zu laufen, um von da aus zu versuchen zu trampen. Uns war klar dass um diese Uhrzeit wohl kaum jemand noch nach Schefa'- Amr fährt. Wir machten uns schon auf eine sehr lange und extrem anstrengende Nacht gefasst, als uns der junge Mann, der außer uns noch im Bus war, auf und zu kam und uns ansprach. Er fragte wo wir denn hin wollen und ob er uns helfen könnte. Wir erklärten unsere Lage und fragten ihn in welche Richtung den Nazareth liegt. Er antwortete nicht sondern sagte nur: " Es ist zu spät um noch nach Schefa' Amr zu fahren. Kommt lieber mit in mein Haus, übernachtet dort und morgen früh könnt ihr von dort aus mit dem Bus fahren." Wir zögerten und wollten uns eigentlich nicht dermaßen aufdrängen, vor allem weil wir den jungen Mann nicht kannten. Bevor wir antworten konnten fanden wir uns schon zusammen mit seinem Bruder in einem Auto wieder und waren geradewegs auf dem Weg zu ihm nach hause. Es war für uns unfassbar.
Wir fuhren durch kleine arabische Ortschaften bis wir uns auf einmal an einem Ort wieder fanden, der sich Kafr Kanna nannte. In der Bibel ist er als Kanaa bekannt und er soll der Ort sein an dem Jesus auf einer Hochzeit Wasser zu Wein machte. Wir worden unglaublich freundlich mit Tee, Brot und kleinen Speisen empfangen. Ich wiederhole: es war 23 Uhr und wir waren wildfremde Leute für diese Familie. Die Familie bei der wir Zuflucht fanden war sehr religiös und lebte in einem einfachen aber schönen Haus. Obwohl sie selber in schlichten und einfachen Verhältnissen lebten, bemühten sie sich dass wir uns so wohl wie möglich fühlten. Das gelang ihnen auch und wir hatten ein wirklich schlechtes Gewissen, dass wir ohne eine Gegenleistung so umsorgt wurden. Die Mutter der Familie erzählte viel von ihren fünf Söhnen und dass sie in ihrem Haus schon oft Volontäre oder Gäste aus Europa hatte. Sie freute sich wunderlicher Weise sehr über unseren nächtlichen Besuch und machte gleich klar dass wir jeder Zeit wieder herzlich willkommen sind. Wir waren immer noch geschockt wie plötzlich das alles passierte. Nach einem ausgiebigen schönen Essen gingen wir schlafen. Am nächsten Morgen tranken wir noch Tee, bedankten uns vielmals und gingen zum Bus. Auf dem Weg nach hause waren wir noch ganz erfüllt von so viel Gastfreundlichkeit. Und das passierte ausgerechnet an dem Tag, an dem uns ein anderer Mensch noch davor gewarnt hat zu Arabern ins Auto zu steigen.
Und hier ist der Post auch schon zu Ende. Es kommt zwar etwas abrupt aber mehr gibt es zu an dieser Stelle nicht zu sagen. Wie immer Ende ich noch mit ein paar Bildern.
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Am Toten Meer ( der Rest erklärt sich von selbst)
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in Kafr Kanna
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